Italo Calvino – Warum Klassiker lesen?

IMG_20150615_183410Was ist schon ein Klassiker? Mal darüber nachgedacht? Wie lässt sich ein Klassiker überhaupt definieren und was bringt er uns? Spinnt man den Faden weiter, kommt man zur Erkenntnis, dass es gar nicht so einfach ist, denn Klassiker-Stempel begründet zu benutzen. Italo Calvino  (*1923 – †1985) versucht in seinem Essay »Warum Klassiker lesen?« diese Fragen zu beantworten und Argumente zu finden, warum wir zu diesen greifen sollten.

Ich selbst bezeichne mich nicht als belesen. Für mich ist jemand belesen, wenn er eine große Anzahl der bedeutendsten Werke der zum Beispiel Antike (»Odyssee«) oder mehreren Epochen nicht nur kennt, sondern sie auch gelesen hat und Vergleiche anstellen kann. Ich kann das umfassend definitiv nicht. Wobei wir hier auch wieder eingrenzen müssten: Was sind überhaupt die bedeutendsten Werke?

Calvino meint, dass Klassiker gerade die Bücher sind, von denen man behauptet, dass man sie gerade erneut aufschlage, also: Ich lese gerade wieder »Buddenbrooks«. Diese Reread-Aussage lässt sich damit begründen, dass wir uns, von vermeidlichen Intelektuellen umgeben, schämen, zuzugeben, dass wir »Buddenbrooks« davor noch nie gelesen haben. Weiter führt Calvino aus, dass wir anders mit Klassikern umgehen, die wir als Jugendliche in der Schule lesen mussten und ohne größere Lebenserfahrung die vielen Details eher ausgeblendet oder die Bedeutungen nicht verstanden hätten. Es sei immer etwas anderes, wenn wir sie verpflichtend lesen, statt aus Liebe und Eigeninitiative. Dennoch kommt es vor, dass diese »durch ihre besondere Macht« beim Heranwachsenden einen Samen hinterlassen. Andere Vorschläge von Calvino:

Klassiker sind Bücher, die einen besonderen Einfluss ausüben – sowohl wenn sie sich als unvergesslich behaupten, als auch wenn sie sich in den Falten der Erinnerung verstecken und sich als kollektiv oder individuell Unbewusstes tarnen. (S. 8).

Klassiker sind jene Bücher, die beladen mit den Spuren aller Leseerfahrungen daherkommen, die unseren vorausgegangen sind, und die hinter sich die Spur herziehen, die sie in der Kultur oder den Kulturen (oder einfach in der Sprache oder in den Bräuchen) hinterlassen haben, durch die sie gegangen sind. (S. 9)

Der italienische Autor argumentiert weiter, dass Klassiker uns nicht unbedingt etwas beibringen, »was wir noch nicht wussten«, dafür entdecken wir darin oft etwas, dass uns immer bewusst war, wir es allerdings vorher nicht ausgesprochen und keine Ahnung davon hatten, dass jemand diese Gedanken bereits festgehalten hat. Klassiker können auch Widersprüche auslösen, wir müssen den Helden keine Sympathie schenken, sondern dürfen ihn auch kritisieren und von seinen Taten Abstand nehmen – logisch.

Problematisch wird es, laut Calvino, überhaupt Zeit für die Klassiker oder für ein erneutes Lesen dieser – schließlich lässt sich bei jedem neuen Versuch stets Neues ergründen –, zu finden, bei der Flut an Neuerscheinungen: »So stellt sich also heraus, dass die Lektüre der Klassiker für den am »ergiebigsten« ist, der es versteht, sie fein dosiert mit der aktuellen Lektüre abzuwechseln.« Dafür hat er einen Tipp parat:

Uns bleibt nur, jeder für sich eine ideale Bibliothek unserer Klassiker zu erfinden; und ich würde sagen, dass sie zur Hälfte Bücher enthalten müsste, die wir gelesen haben und die wichtig für uns sind, und zur anderen Hälfte Bücher, die wir uns zu lesen vornehmen und von denen wir annehmen, dass sie wichtig für uns sein könnten. (S. 14)

Und so möchte ich mich Calvino in meinem Wort zum Sonntag Montag anschließen: Findet die richtige Dosis! Legt bewusst aktuelle Literatur beiseite, traut euch, wenn ihr es ohnehin nicht schon regelmäßig praktiziert, ein Buch in die Hand zu nehmen, das sich vor vielen Jahrzehnten bewährt hat und entdeckt! Denn wie schreibt Calvino so schön? Es sei besser Klassiker zu lesen, als sie nicht zu lesen.

[Buchinformationen: Calvino, Italo (2003): Warum Klassiker lesen? Hanser Verlag. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Susanne Schoop. Titel der Originalausgabe: Perché leggere i classici. 318 Seiten. ISBN: 978-3-446-24118-3]

11 thoughts on “Italo Calvino – Warum Klassiker lesen?

  1. Ein schöner Beitrag und ein schönes Plädoyer dafür, sich nicht nur nach den neuesten Hitlisten und Vorschauen zu richten…und für mich der Impuls, endlich auch mal Calvino zu lesen.

    • Danke sehr. Von Calvino habe ich bisher auch nur diesen Text gelesen und etwas in seinen Essays in diesem Band geblättert, die Klassiker vorstellen. Sollte ich mir vielleicht auch mal vornehmen!

  2. Ich habe tatsächlich Ende letzten Jahres die Odyssee in einer neuen Übersetzung gelesen – nein, vor allem nicht wiedergelesen. Und ich war platt. Klassiker waren in meinem Sprachschatz nämlich ausnahmslos alte und langweilige Bücher. Man sagt da gemeinhin ja auch Schinken zu, wohl, weil sie einem so abgehangen vorkommen. Was soll ich sagen. Die Odyssee gehört zu einem der aufregendsten, musikalischsten, leichtesten, spannendsten, irrwitzigsten Büchern, die ich kenne. Klassiker sind wahrscheinlich Bücher, die nicht altern. Oder ich über die Jahrhunderte hinweg wieder verjüngen. Auf jeden Fall eine (oder eben mehrere) Lektüre(n) wert.

    • Ja, ich glaube, dass Klassiker häufig Vorurteilen (sperrig, überholt, zu schwer) ausgesetzt sind und viele sich einfach nicht trauen, sie aufzuschlagen. Da sollte man gegenwirken, es wenigstens versuchen und den inneren Schweinehund überwinden, statt ständig nur nach leichter Kost zu greifen. Die „Odyssee“ scheinst du nicht nur bezwungen zu haben, sondern konntest scheinbar reichlich aus dem Werk ziehen – das klingt toll.

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