Gaito Gasdanow – Ein Abend bei Claire

Gaito Gasdanow - Ein Abend bei ClaireGaito Gasdanow (*1903 – †1971) erlebt gerade so etwas wie eine Wiedergeburt. 2012 wurde erstmals mit »Das Phantom des Alexander Wolf« ein Roman des Exilrussen ins Deutsche übersetzt. Weitere Erzählungen wie »Die Wandlung« oder »Schwarze Schwäne« wurden danach von Rosemarie Tietze in die hiesige Sprache übertragen. Gasdanows Werke stießen auf größere Aufmerksamkeit im Feuilleton – auch deswegen entschied sich der Hanser Verlag mit »Ein Abend bei Claire« den nächsten und damit Debüt-Roman des Autors mit ossetischer Abstammung auf den Markt zu bringen.

Der Titel und das Cover des Buches stiften ein wenig Verwirrung. So ist anfangs anzunehmen, dass es sich bei »Ein Abend bei Claire« entsprechend um einen Liebesroman handeln muss. Claire spielt allerdings, anders als gedacht, nicht die zentralste Figur. Vielmehr blickt der Ich-Erzähler, Nikolai Sossedow, zurück auf seine Kindheit und welche Prozesse sie in Gang geschoben hat – er selbst war ein wissbegieriger und offener Junge voller Phantasie, der früh seinen liebenswerten und intelligenten Vater sowie die beiden Schwestern verlor.

Andererseits hatte ich unbewusst stets einen Drang zum Unbekannten empfunden, dort hoffte ich neue Möglichkeiten und neue Länder zu finden; mir schien, von der Berührung mit dem Unbekannten würde alles Wichtige schlagartig aufleben, kämen alle meine Kenntnisse und Kräfte samt dem Verlangen, Neues zu begreifen, klarer zum Vorschein; und hätte ich es begriffen, würde ich es mir damit unterordnen. (S. 92)

Während der Pubertät trifft er auf die ältere Französin Claire, die ihn verzaubert. Ihre reichen Eltern schieben dem beidseitigen Kontakt jedoch einen Riegel vor, wodurch dieser unterbunden wird. Claire soll verheiratet werden. Als sie unter der Haube steckt, kommt es zu einer weiteren Begegnung; Claire bietet Sossedow an, ihr in ihre Wohnung zu folgen, da der Ehegatte verreist ist, Sossedow lehnt allerdings ab, aus Angst ein Eheverbrechen zu begehen – und weint dennoch dieser Chance hinterher nach, obwohl sie noch einmal auftauchen wird.

Ein weiterer Teil des Romans handelt davon, wie der Erzähler 1919 in den Russischen Bürgerkrieg zieht. »[…] von jenem Winter an war ich nicht mehr der Gymnasiast Sossedow, versetzt in die siebte Klasse, las keine Bücher mehr, lief nicht mehr Ski, turnte nicht mehr, reiste nicht mehr nach Kislowodsk und sah Claire nicht mehr; und alles, was ich bisher gemacht hatte, wurde für mich zu einer Vision meines Gedächtnisses.« Beim Panzerzug sieht er hartgefrorene Körper und Leichen, die an Masten hängend gegen das Holz stoßen. Während dieser Zeit denkt er besonders an Bücher, Wärme und natürlich Claire.

»[…] aber der wunderbarste Gedanke war, dass Claire, von der ich in einer Winternacht fortgegangen war, Claire, deren Schatten mich beschirmte, und wenn ich an sie dachte, tönte rings um mich alles leiser und gedämpfter – dass diese Claire mir gehören würde.« (S. 174)

»Ein Abend bei Claire« schrieb Gaito Gasdanow im Alter von 26 Jahren und wurde dafür von der Exilpresse allgemein in den Kritiken gefeiert. Die Rezensenten zögen Vergleiche zu Marcel Proust und Vladimir Nabokov, heißt es. Vor dem Erscheinen des Romans 1929/30 hatte der Migrant in Paris allerdings einige Hürden zu bestehen, lebte am Rand des Abgrunds und verdiente seine Brötchen als Taxifahrer.

Gaito Gasdanow

Gaito Gasdanow im Alter von 31 Jahren 1934 in Paris. Foto: Wikipedia.

Tatsächlich fließt in Gasdanows Debüt reichlich Autobiografisches ein. Wie bei seinem Charakter Nikolai Sossedow verstarben Gasdanows Vater und Schwestern früh. Gasdanow selbst und Nikolai Sossedow gingen freiwillig zur Weißen Armee und wirkten am Bürgerkrieg mit. Diese Entscheidungen waren nicht politischer Natur, sondern rein mit ihrer Neugierde begründet, etwas aus diesen Handlungen zu ziehen. Im Nachwort schreibt Übersetzerin Rosemarie Tietze außerdem, dass »Ein Abend bei Claire« ein Denkmal für die Eltern darstellen sowie die Erinnerungen an die erste Liebe und Freundschaften reflektieren sollte.

In »Ein Abend bei Claire« verschieben sich ständig die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Häufig wird die dominante Position Claires nicht deutlich, mag sie manchmal doch nur ein traumhaftes, unantastbares Wesen zu sein, die der gespaltene Nikolai eigenständig kreiert. Immer wieder kommen dagegen der Scharfsinn und die Beobachtungsgabe Gasdanows deutlich hervor. Wunderbare Skizzierungen seiner Kriegskameraden wirken gelungen und wunderbar aufgebaut.

Vielleicht wollte Gasdanow insgesamt zu viel. Liebe, Krieg, Familie, Freundschaft und Sinnhaftigkeit des Lebens/Existentialismus sind bereits zu viele unabgesteckte Gebiete, die er künstlerisch einzugliedern versucht und zudem immer wieder fast in Einzelheiten hinterfragt. Vielleicht wäre es gerade sinnvoller gewesen, einen besonderen Aspekt herauszupicken und ausführlicher zu beschreiben, als gleichzeitig mehrere hintereinander. So tappt man manchmal im Dunklen, worauf Gasdanow überhaupt abzielt. Lebenserinnerungen festzuhalten? Eine gescheiterte Romanze zu verschriften? Gedanken zu verbinden? Manchmal rinnt alles untrennbar und komplex zusammen: Wirklichkeit, Einbildung, Erfindung.

»Ein Abend bei Claire« kann bedenkenlos als ein kleines und experimentierfreudiges Kunstwerk bezeichnet werden, dem an einigen Stellen der Feinschliff fehlt. An »Das Phantom des Alexander Wolf«, Gasdanows späteres Werk, das in diesem Blog im Nachgang etwas zu kritisch behandelt wurde, reicht es dennoch nicht ganz heran. Möglich, dass die Fähigkeiten des Autors später ausgeprägter waren – gerade beim Erschaffen eines runderen Plots.

[Buchinformationen: Gasdanow, Gaito (Februar 2014): Ein Abend bei Claire. Hanser Verlag. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Titel der Originalausgabe: Вечер у Клэр (1930). 192 Seiten. ISBN 978-3-446-24471-9]

[Anmerkung: Weitere Rezensionen finden sich bei Glasperlenspiel13 und Pop-Polit.]

8 thoughts on “Gaito Gasdanow – Ein Abend bei Claire

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