Patrícia Melo – Leichendieb

Patrícia Melo - LeichendiebGrabraub, kein Kavaliersdelikt, sondern ein pietätsloses Verhalten. Patrícia Melo, in São Paulo geboren, mittlerweile in der Schweiz lebend und von der »Times« zur führenden Schriftstellerin des Millenniums in Lateinamerika gekürt, kreiert in ihrem Werk »Leichendieb« (Gewinner des Deutschen Krimipreis 2014 in der Kategorie ›International‹), zwar nicht direkt eine Geschichte um das Schänden von Ruhestätten, dennoch dreht sich ihr Roman unter anderem um sterbliche Überreste und den Umgang mit diesen.

Das Leben des namenlosen Ich-Erzählers gleicht einer Talfahrt, die ein fremdes Unglück erst mal stoppt, um dann noch größeren Problemen ausgesetzt zu sein. Einst war er Manager, wurde allerdings gekündigt, weil er eine Mitarbeiterin ohrfeigte und diese sich daraufhin umbrachte. Er flieht aus São Paulo und kommt im ländlichen Corumbá unter. Beim friedvollen Angeln stürzt plötzlich ein Flugzeug in den Fluss Río Paraguay. Das Lyrische Ich versucht zu helfen, die Lage erscheint jedoch aussichtlos, da beim Piloten der Tod bereits eingetroffen ist. Gleichzeitig findet der Erzähler einen Rucksack voller Kokain. Nimmt diesen mit und informiert niemanden weiter über den Unfall.

Was er jedoch nicht wusste: Der Tote ist wohl betucht, respektive seine Familie, die zu den reichsten der Region zählt. Langsam aber sicher zeichnen sich Schwierigkeiten ab, da der Ex-Manager extrem zwiegespalten ist und gleich in mehrere Fettnäpfe tritt. Denn zufällig arbeitet seine Freundin Sulamit, die er auch noch mit der Partnerin (Rita) seines Cousins betrügt, bei der Polizei. Dann heuert er dummerweise als Chauffeur bei der Familie des Verstorbenen an. Und die Drogen lassen sich ebenso wenig locker flockig verkaufen, werden gefunden. Zudem hatte er ungewollt einen Deal mit dem bolivianischen Drogendealer Ramírez, der nun sein Geld, seinen Stoff verloren hat und not amused darüber ist. Nach und nach schmiedet der Tölpel einen Plan, der alles wieder gerade biegen soll: Den immer noch nicht entdeckten Körper will er der Familie verkaufen, damit ihr einst so geliebter Sohn den Seelenfrieden findet und gewissenhaft begraben werden kann. Dass es keine Leiche gibt, sie womöglich von den Piranhas bereits verspeist wurde, macht die Sache nicht einfacher.

»Leichendieb« ist ein rasanter Thriller, in dem es für die Hauptfigur zu immer mehr heiklen Verstrickungen kommt. Manchmal sieht sie den Ausgang des Labyrinths – aber nur für ganz kurz. Da kommt schnurstracks der nächste Rückschlag, die nächste ausweglose Situation. Immer wieder zeigt sich, dass ein perfektes Verbrechen nicht begangen werden kann. Schon gar nicht, wenn die Nase in fremde Angelegenheiten gesteckt wird, für solche Taten nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt ist und immer wieder die falschen Entscheidungen trifft. Der namenlose Ich-Erzähler bekommt dann schließlich doch noch einen Namen. Porco, das Schwein, nennt ihn der Drogendealer. Ebenso kein Zufall, stellt er doch ein gewisses Charakterschwein dar, das nur selbstbezogen vorgeht (»Ich weiß nicht wer das gesagt hat, aber es stimmt absolut, der Mensch ist nicht lange ehrlich, wenn er alleine ist.«) und jegliche Moral ausblendet, ein inneres Funkgerät eingebaut hat, das ihn vor Gefahren warnt. Ein Tick. Over.

Sie versucht, dich reinzulegen, Over. Damals fing dieses komische Gefühl an, sich bei mir bemerkbar zu machen, es war, als ob mein inneres Funkgerät, das in mir entstanden war, als ich im Telefonmarketing arbeitete, als ich den ganzen Tag lang beim Zuhören Over sagte, es war, als ob dieses innere Funkgerät auf einmal funktioniere und mir unabhängig von meinem Wille Dinge eingab. Ein verstecktes Funkgerät. Eine innere Stimme, etwas, das zu mir gehörte, aber gleichzeitig selbständig war, das mir sagte: Vorsicht, Gefahr. (S. 91)

Außerdem fängt die Autorin wunderbar die Lebensumstände in der westlichen Stadt Brasiliens, Corumbá, ein, die an der Grenze zu Bolivien liegt. Armut, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit bestimmen den Alltag der Einwohner. Kinder, die betrunken in der Ecke liegen oder mit ihrem Fußball Fensterscheiben einschlagen. »Dreiunddreißigtausend Menschen sollen statistisch in den kommenden vier Jahren ermordet werden«, überwiegend Schwarze und Dunkelhäutige, heißt es in den Nachrichten, die Porco hört. Ansonsten lässt sich »Leichendieb« dank der Sprache relativ flott weg lesen. Etwas störend dagegen, dass Patrícia Melo für die direkte Rede keine Anführungszeichen verwendet hat.

»Leichendieb« ist ein gelungenes Werk über einen Menschen, der einen teuflischen Plan ausgeheckt hat, sich selbst trotz der Zerrissenheit als einen Gutmenschen betrachtet. Der kein Gewissen mehr besitzt und sich in Selbstlügen verliert. Patrícia Melo porträtiert damit ein frivoles Bild einer mittellosen Gesellschaft, für die Korruption und Täuschung zur Tagesordnung gehören, auch weil die Kluft zwischen Arm und Reich nicht einfach so überwunden werden kann.

[Buchinformationen: Melo, Patrícia (2013). Leichendieb. Tropen Verlag. Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Titel der Originalausgabe: Ladrão de Cadáveres (2010). 203 Seiten. ISBN: 978-3-608-50118-6]

4 thoughts on “Patrícia Melo – Leichendieb

  1. Pingback: Der Sonntagsleser KW#12 März 2014 | Lesen macht glücklich

  2. Pingback: [Sonntagsleserei]: KW#12 März 2014 | Lesen macht glücklich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s