Kürze und Würze #11

Auf der Anklagebank in Nürnberg sitzen im Oktober 1945 zweiundzwanzig Nazi-Größen, darunter Hermann Göring und Rudolf Heß. Für viele der Täter lautet das Urteil später: Tod durch den Strang. Von einem einzigartigen Prozess in der Geschichte der Rechtspflege sprechen die Richter. Zum ersten Mal lauten die Strafbestände unter anderem Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Tötung einzelner Menschen in einem großen Maßstab) und Genozid (gezielte Vernichtung von nationalen, ethnischen, rassischen und religiösen Bevölkerungsgruppen). Die Völkerrechtler Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin prägen diese Begriffe, sie liefern die Konzepte für die Strafbestände, auf die sich auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag hinterher beziehen wird (beispielsweise beim Prozess gegen den serbischen Präsidenten Milošević). Das Besondere daran: Beide sind Juden und stammen aus Lemberg, einem von den Nazis eingegliederten Ostgebiet. Dort, wo Juden entnationalisiert wurden und sich auf keine Gesetze mehr berufen konnten. Dort, wo Hitlers Rechtsanwalt und der „Schlächter von Polen“ Hans Frank Generalgouverneur gewesen ist. Auch er muss sich vor dem Gericht in Nürnberg verantworten. Der britische Jurist Philippe Sands zeichnet in „Rückkehr nach Lemberg“ die Biografien der Professoren Lauterpacht und Lemkin nach und verknüpft sie mit der eigenen Familiengeschichte – seine Großeltern kommen ebenfalls aus Lemberg. Auf 600 Seiten erhalten die Leser eine hochspannende Exkursion in das internationale Straf- und Völkerrecht, basierend auf den Verbrechen der Nazis. Ein Buch, aus dem man viel lernen, ziehen kann und das sich streckenweise wie ein Roman liest.

[Buchinformationen: Sands, Philippe (Januar 2018): Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. S. Fischer Verlag. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. Titel der Originalausgabe: East West Street (2016). 592 Seiten. ISBN: 978-3-10-397302-0]

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Diese Vision verwundert nicht, scheinen die besten Zeiten für den Buchmarkt ohnehin vorbei zu sein. Der Russe Vladimir Sorokin geht einen Schritt weiter. Er prognostiziert in seinem Roman „Manaraga“ der Literatur den Tod. Nachdem Christen und Muslime in den Krieg gezogen sind, existieren 2037 keine gedruckten Bücher mehr – kein Schwein liest sie. Eine neue Mode hat sich verbreitet: bibliophile Gelage – Book `n` Grill. Illegale Köche wie der Erzähler grillen auf den letzten Exemplaren und Erstausgaben für einen elitären Kreis, verdienen sich an der illegalen Geschäftsidee dumm und dämlich. Mit Tschechow oder Dostojewski wird der Schaschlik gar.

Auf Sorokin stehe ich total, mochte auch seine vorigen Bücher „Schneesturm“ und „Telluria“. Alle haben dystopische Elemente, grenzen an Satire und üben doch Kritik. Sie schießen gegen die Gesellschaft und Digitalisierung, skizzieren wie in „Manaraga“ den Verfall von (Hoch)Kulturen. Stets komponiert Sorokin eine Zukunftsmusik, die schief klingt und keinem Hörgenuss gleicht. Das macht er unnachahmlich mit einer Kreativität, als ob er selbst auf einem Trip wäre. Einer der größten lebenden russischen Autoren. Wer etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung.

[Buchinformationen: Sorokin, Vladimir (November 2018): Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Titel der Originalausgabe: Манарага. ISBN: 978-3-462-31876-0. 256 Seiten]

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Lahm, dachte ich am Anfang. Wer braucht einen weiteren Coming-of-Age-Roman mit einer jungen Frau, die sich noch nicht gefunden hat und irgendwann finden wird? Tausend Mal gelesen/gehört. Weil der Autor Demian Lienhard jedoch ein sympathischer Kerl ist und wir Bier getrunken haben. Weil wir zusammen eine abenteuerliche „Taxi“-Fahrt in Leipzig hatten, mit einem ominösen Professor am Steuer, der auch auf kleine Jungs stehen oder mit Organen handeln könnte, hab ich sein Buch nicht vorzeitig abgebrochen. Und das war richtig. Weil diese Frau namens Alba sich überhaupt nicht finden wird in diesem Debüt, in dem nahezu alle Figuren abkratzen. Weil mit Alba manchmal etwas verkehrt ist, sie abdriftet, den Selbstzerstörungsknopf aktiviert, sich auf die Gegenfahrbahn manövriert, irgendwann H in die Vene haut. Weil die Sprache dabei erfrischend ist – samt schwarzen Humor – im Vergleich zur tragischen Story. Weil viele der Anekdoten und Einfälle haften bleiben; Katzen mit Marmeladenbroten auf dem Rücken, der Vergleich einer Abtreibung mit einer Ketchupflasche. Unterm Strich: ein starkes und irgendwie überraschendes Debüt aus der Schweiz.

[Buchinformationen: Lienhard, Demian (März 2019): Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Frankfurter Verlagsanstalt. 360 Seiten. ISBN: 9783627002602]

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Hinter jeder Narbe steckt eine Geschichte; ein ärgerlicher Zufall, ein (wie sich später herausstellt) glücklicher Ausgang. Das Resultat, nachdem jemand einem die Vorfahrt genommen hat – Fahrrad trifft Auto. Die Faust, die sich im Gesicht an der Braue verewigt nach einer wüsten Schlägerei. Jeder hat Narben, größere, kleinere, kaum sichtbare. Für Paul Auster bilden Narben die Ausgangspunkte für die Bilanz mit dem Leben. Der lädierte Körper (seine beste Zeit ist vorbei) nötigt ihn, über das Bisherige und das Altern nachzudenken. Am Ende kommt das autobiografische „Winterjournal“ heraus. Wie war das mit den Frauen, Lastern, Wurzeln und den ganzen Niederlagen? Auster reflektiert in essayistischen Passagen, weil ihm nicht mehr lange Zeit bleibt. Das ist inspirierend und unnachahmlich geschrieben. Ein Must-Have, vor allem für die Herren der Schöpfung!

[Buchinformationen: Auster, Paul (2013): Winterjournal. Rowohlt Verlag. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. 256 Seiten. ISBN: 978-3-498-00087-5.

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„Ich habe den eigenen Vater ermordet“, mit diesem Geständnis beginnt der Russe Viktor Jerofejew diesen autobiografischen Roman-Essay. Den Vater hat er im übertragenen Sinne umgelegt. In der Politik war der Papa in der Sowjetunion ein hohes Tier; Stalins Französisch Dolmetscher, Molotows Referent, Botschaftsrat in Paris, später Botschafter in Afrika. Jerofejew beschreibt die literarischen Anfänge des Erzählers. Später möchte er die russische Literatur begraben und die Staatsmacht vorführen. Der Erzähler, einst selbst Teil der Nomenklatura, wandelt sich zum Dissidenten, als er den Almanach verschmähter Literatur herausgibt. Dem Vater fällt er damit in den Rücken, ihm wird dennoch verziehen. Insgesamt portraitiert Jerofejew in diesem Buch seinen Vater und schweift zu häufig ab, was den Roman zäh macht.

[Buchinformationen: Jerofejew, Viktor (2004): Der gute Stalin. Berlin Verlag. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Titel der Originalausgabe: Хороший Сталин (2004). 364 Seiten. ISBN: 978-3827001139]

2 thoughts on “Kürze und Würze #11

  1. Ich habe Demian Lienhards Buch gerade ausgelesen und weiß nicht, was ich davon halten soll… Irgendwie war so ziemlich alles an der Geschichte unerwartet, aber den Ton empfand ich als sehr erfrischend und interessant. Ich denke, ich muss die Eindrücke ein wenig sacken lassen.

  2. Ein interessante Mischung. „Rückkehr nach Lemberg“ habe ich vor einiger Zeit angelesen, nach einigen Seiten bin ich allerdings irgendwie darin verloren gegangen. Allerdings werde ich es mir noch einmal vornehmen, gerade wegen der lobenden Kritiken. Ein Buch braucht oftmals einen richtigen Zeitpunkt. Von Sorokin steht bei mir eben „Telluria“ im Regal, könnte auch bald mal „fällig“ werden. Viele Grüße

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